Dank eines enorm ausgeweiteten, verbesserten und verbilligten Transports lassen sich Produktion, Verbrauch und Entsorgung zunehmend räumlich trennen. Viele Umweltbelastungen aufgrund von Produktion und Entsorgung sind inzwischen geographisch mobil, werden sozialräumlich umverteilt und meist konzentriert, etwa in Industrierevieren, Gewerbe- und Entsorgungs"parks". An diesen Orten kann eine Art "ökologischer Verelendung" auftreten, die Mobilitäts- oder gar Fluchtprozesse auslöst. Die häufige Annahme, Umweltbelastungen seien aufgrund globaler Ausbreitung auch sozialräumlich gleich verteilt, ist empirisch offensichtlich nicht haltbar - stattdessen scheint in diesem Bereich die soziale Ungleichheit (vom lokalen bis zum globalen Maßstab) sogar eher zuzunehmen.
Sozialräumliche Umweltungleichheit wird bei der Umweltgerechtigkeitsdebatte nicht nur festgestellt (environmental inequality), sondern als Benachteiligung (environmental inequity, environmental discrimination) gewertet, für die diagnostische, präventive und kompensatorische Maßnahmen zu entwickeln sind.
Sozialräumliche Ungleichverteilung von Umweltbelastungen kann unterschiedlichen Verteilungs-"Logiken" folgen:
| Art der Verteilungslogik | Art der Verteilung von Umweltbelastung |
| politische | Konzentration in Gebieten mit politisch schwacher Bevölkerung, da dort eher durchsetzbar |
| ökonomische | Konzentration in unattraktiven Gebieten, da billiger (Grundstücke, Infrastruktur, Sanierung, Haftung, etc.) |
| technische | regionale Konzentration, da Infrastrukturaufwand geringer, Transportwege kürzer, Synergien möglich |
| ökologische | keine regionale Konzentration, da sonst Risiko irreversibler Umweltschäden höher, Transportwege länger |
| gesundheitliche | keine Konzentration bei Armutsbevölkerung, da diese von Gesundheitsrisiken ohnehin stärker betroffen ist, was das Risiko irreversibler Schäden erhöht |
| soziale | keine Konzentration bei politisch schwacher Bevölkerung, da dies die sozialstaatlich geforderte Angleichung von Lebensbedingungen erschwert |
Die sozialräumliche Ungleichverteilung von Umweltbelastungen kann vorab geplant sein, sich aber auch erst nachträglich herstellen, wenn nach Auftreten neuer Umweltbelastungen der besserverdienende Teil der Bevölkerung wegzieht. Dies wird durch weitere Prozesse gefördert:
Umweltgerechtigkeit bezieht sich auf
Mangelnde Umweltgerechtigkeit kann gesundheitliche Ungleichheit - ein zentraler Forschungsgegenstand und Handlungsbereich von Public Health - mitverursachen. Umweltbelastungen können die Gesundheit schädigen (von Asthma bis Polyneuropathie, Lärmschwerhörigkeit bis Infertilität, Chlorakne bis Leukämie). Sie beeinflussen körperliche und psychische Ressourcen, Befindlichkeit, Arbeitsfähigkeit, Lebensqualität und Sozialkompetenz. Umweltbelastungen können aber auch selektive Mobilität ("soziale Entmischung") auslösen, zudem auf überpersoneller Ebene Investitionsbereitschaft, Arbeitsplatzangebot und soziale Beziehungen (als eine Art "soziales Immunsystem") schwächen.