In der BRD wird seit einigen Jahren soziale Gerechtigkeit wieder verstärkt zum Thema. Sie wird meist als Angleichung sozialer Lebensbedingungen verstanden. Dabei gilt zwar soziale Ungleichheit als Problem, nicht aber Ungleichheit in Hinblick auf gesundheitliche oder Umweltbedingungen. Aus deutscher Perspektive ist daher ungewöhnlich, daß in den USA die sozialräumliche Ungleichheit von Umweltbelastungen als Gerechtigkeitsproblem - und zwar als Problem mangelnder "Umweltgerechtigkeit" (environmental justice) - diskutiert wird. (Umweltgerechtigkeit ist nicht gleich "ökologische Gerechtigkeit"; dieses Alternativkonzept meint vor allem Generationengerechtigkeit im Hinblick auf Umweltbelastungen, wird aber oft mit Umweltgerechtigkeit verwechselt).
Ausgangspunkt der US-Umweltgerechtigkeitsbewegung waren ab den 70er Jahren stark beachtete Fälle sozialräumlicher Benachteiligung hinsichtlich Umweltbelastungen, die erklärten Zielen der Bürgerrechts-, Armuts- und Gewerkschaftsbewegung widersprachen. Da in den USA Hautfarbe, Armut, Umweltbelastung und Gesundheit erkennbar zusammenhängen - "black, brown, red, poor, and poisoned" - wurde Umweltbenachteiligung auch oft als Umweltrassismus (environmental racism) bezeichnet. In der Folge entstanden hierzu viele Bürgerinitiativen (NIMBYs; Not in my backyard!), die lose kooperierten und erheblichen Druck auf lokaler, einzelstaatlicher und Bundesebene ausübten.
Umweltgerechtigkeit befaßt sich mit der sozialräumlichen Verteilung von Umweltbelastungen. Sie untersucht, ob sozial bzw. ethnisch Benachteiligte mehr Umweltbelastungen (u.a. LULUs; locally unwanted land uses) aufweisen; warum; mit welchen sozialen und gesundheitlichen Folgen; wie sich dies vermeiden läßt. Diese Schnittstelle von Umwelt-, Gesundheits- und Sozialpolitik wird in den USA seit 30 Jahren diskutiert, in Großbritannien und Schottland seit über 10 Jahren.
Der frühere US-Präsident Clinton wies 1994 Bundesbehörden und Ministerien an, Umweltgerechtigkeit in ihrem Zuständigkeitsbereich zu kontrollieren und zu fördern. New York City schrieb Umweltgerechtigkeit als Ziel in der Stadtverfassung fest. In New Jersey müssen bei der Planung umweltbelastender Projekte soziodemographische Zusammensetzung und bestehende Umweltbelastung der betroffenen Bevölkerung berücksichtigt werden. Texas schuf eine "Taskforce on Environmental Equity and Justice"; die Bundesumweltbehörde EPA spezielle Gremien und Programme, die sich damit befassen. Die Sanierungsprogramme "Superfund" der Entsorgungsbehörde (ATSDR) und die "Brownfield Initiative" des Ministeriums für Wohnen und Stadtentwicklung (HUD) orientieren sich an Umweltgerechtigkeit.
Unter Bush Jr. wird dies, trotz Rückschlägen, fortgesetzt.